#05 Intonation: Wenn die Angst vor „falschen Tönen“ alles überdeckt

Ein bisserl Catcontent geht immer. (c) pixabay/photosforyou

Wo ist die Grenze zwischen „gut“ und „schlecht“ intoniert? „Gut singen“ ist doch mehr als das Treffen der Töne, oder? Ich reite als Song-Contest-Kritiker selbst manchmal auf „falschen“ Tönen herum… auch weil ich der Meinung bin, dass das bei einem Wettbewerb ein wenig dazugehört. Aber als Zuhörer weiß man halt nie die ganze Wahrheit: Gibts zum Beispiel Monitoring-Probleme oder liegt’s am TV-Tonmix und live hört sich die Sache ganz anders an? Worauf ich hinaus will: Das Herumgehacke auf vereinzelt schiefen Tönen oder Phrasen als „jemand singt total schlecht“ ist einfach überheblich – das ist mir etwa auch im Starmania-Forum des „Standards“ aufgefallen, wo User meiner Meinung nach gute Performances überaus hart aufgrund scheinbar mangelnder Tonsicherheit kritisierten.

Intonation ist ein fancy Wort für das Treffen der Tonfrequenz von Singenden. Die Stimmbänder funktionieren nicht wie ein Klavier, auf dem eine Taste (wenn richtig gestimmt) einen bestimmten Ton hervorbringt. Wir müssen die Spannung und Länge unseres Geräts hingegen genau koordinieren, um eine bestimmte Frequenz zu singen. Diesen Vorgang nennt man „Intonation“.

Richtige Intonation ist eine Bandbreite. Ein zweigestrichenes A hat der Theorie nach (und je nach Orchester) 440 Hertz. Aber wer singt schon exakt eine Frequenz eines Tons? Man tänzelt immer um die Zielfrequenz herum. Gibt es einen Fixpunkt, wann ein Ton falsch klingt? Das Karaokespiel „SingStar“ weiß es, aber ansonsten ist das absolut subjektiv.

Aber selbst, wenn der Ton ein gutes Stück von der Frequenz des Zieltons abweicht: Was macht das mit dem Ton, dem Ausdruck? Zum Beispiel im Intro von „Beggin“, dem Cover der italienischen ESC-Gewinner Måneskin. Geile Effekte und absolut eigensinnig intoniert (vor allem das „Baby“ am Ende des Intros), die Tonabstände sind nicht „sauber“. Ob „passiert“ oder absichtlich, das weiß nur Sänger Damiano David. Live klingt’s immer ein bisschen anders. Aber klingt’s so nicht auch ziemlich leiwand*?

Aber natürlich: über künstlerische Freiheit zu diskutieren und darüber, dass jemand beim Singen ernsthaft mit Intonationsproblemen kämpft, sind wohl zwei Paar Schuhe. Fest steht, nicht jeder Ton, den so manche:r Zuhörende als unsauber intoniert empfindet, mindert automatisch die Leistung oder gar die Freude.

Aber was sind die Ursprünge von nicht perfekt getroffenen Tönen? Abgesehen von künstlerischer Freiheit und Problemen mit der Bühnentechnik?

  1. Mangelnder Fokus

Es gibt natürlich erfahrene Sänger:innen, denen man als Coach sagen kann: „Hey, pass auf, die eine Stelle bist du ein bisschen zu hoch/tief.“ Und die Singenden können von sich aus korrigieren – durch aufhellen des Vokals, höhere Kehlkopfposition, mehr Twang generell oder vor allem schlicht Konzentration und Erfahrung. Fertig.

2. Technische Probleme führen zu Intonationsproblemen

Meistens steckt aber ein spezifisches technisches Problem hinter zu tiefer Intonation und kein mangelndes Hörvermögen. Wenn es sich immer um ein und dieselbe Stelle handelt, die wiederholt deutlich zu tief gesungen wird, liegt der Verdacht nahe, dass hier andere Faktoren mitspielen. Jetzt als Coach zu sagen: „Bitte, sing den Ton doch höher“, wird oft nicht viel bringen – außer möglicherweise Verkrampfung und Überpowern. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass wir die Sache technisch anders lösen müssen – anderer Mode, andere Klangfarbe, anderes Vokaltrakt-Setting eben.

Um einen Fortschritt zu erzielen, kann es hilfreich sein, von Beginn an nicht auf die Tonhöhe zu fixieren (mental). Also das gewünschte technische Element einmal tiefer zu checken/zu wiederholen/zu erinnern. Manchmal genügt das. Manchmal ist es eine längere technische Reise, wenn es um neue Inhalte geht.

3. Die Stimmband-Gehör-Koordination braucht Übung

Auch hier ist es im Grunde nichts anderes als Technik/Erfahrung/Übung, die fehlt. Sänger:innen, denen gesagt wird, sie würden Töne (generell) nicht treffen, brauchen oft lange, sich von dieser Punzierung zu befreien. Und jede:r braucht dabei andere Hilfsmittel. Als Coach arbeite ich vor allem daran, Menschen die Angst vor Sound und Klang zu nehmen. „Falsche Töne“ gibt es nicht. Punkt. Denn wie soll man sich trauen, überhaupt einmal (lauter) zu singen, wenn das Urteil „der Ton war falsch, zu hoch, zu tief“ ständig wie ein Damoklesschwert über einem schwebt und einen Großteil der Konzentration nimmt? Vor allem, wenn das technische Rüstzeug noch fehlt. Die Stimme einen bestimmten Ton erzeugen zu lassen erfordert durchaus Übung. Etwa wenn man denselben Ton singt, der auch vom Klavier erklingt. Ein Intervall zu singen ist kleinteilige Muskelarbeit, kontrolliert durch Ohr und Gehirn. Jeder Ton muss sozusagen als Bewegung abgespeichert werden und fühlt sich möglicherweise mit jedem Vokal, jedem anderen Mode wieder anders an.

Was die*der Tonproduzierende selbst hört und wie das Publikum einen Ton wahrnimmt, sind ja auch wieder zwei Paar Schuhe. Hier gilt es auch Vertrauen aufzubauen, dass die Singenden lernen, wie sich ein „richtig“ intonierter Ton anfühlt. Zum Beispiel mit Glissando-Übungen zum Zielton hin, den ich singe oder am Klavier spiele, je nachdem, was einfacher ist). Wie soll jemand lernen, wenn er/sie sich nicht selbst kontrollieren kann? Es gibt auch super Apps zum üben von Intonation, die manchen Sing-Einsteigern Spaß machen.

Jede:r kann singen lernen

Es ist tatsächlich so. Wir kommen alle aus unterschiedlichen Erfahrungen, kulturellen Prägungen und haben Urteile über uns selber. Und es gibt wohl auch anatomische Unterschiede bzw. Begabungen, die für manche das Singen möglicherweise leichter machen. Aber nur in den allerallerallerwenigsten Fällen liegt hinter dem Urteil „Ich kann nicht singen“ eine pathologische / anatomische / nervliche / koordinative Störung. Jede:r kann singen lernen. Es kann in manchen Fällen nun mal ein bisschen Arbeit und Übung dahinter stecken.

Zusammenfassend: Lasst uns doch etwas entspannter mit Intonation umgehen in unserem Urteil über andere und nicht gleich die Augenbrauen hochziehen, wenn ein Ton ein bisserl daneben geht. Die Töne treffen wollen wir doch alle meistens. Und wir müssen vor allem Kinder immer zum Singen ermuntern und denen, denen es vielleicht nicht so leicht fällt, im Kindergarten oder in der Volksschule die richtige Melodie auf Anhieb zu finden, nicht auf den Lebensweg mitgeben, dass sie nicht singen könnten.

Für Sänger:innen im Training: Schlechte Intonation ist oft ein Zeichen für ein technisches Problem, das gelöst werden kann. Und, wer der Meinung ist, gar nicht singen zu können: doch, es geht. Zuerst heißt es, sich einmal freizumachen von dem Urteil, und dann: keine Angst vor Klang und Lautstärke! Danach kann man mit gezielten Übungen am Treffen von Tönen arbeiten.

Und lassen wir uns die Freude am Singen nicht nehmen, auch wenn nicht immer jeder Ton sitzt. Die ständige Selbstbeurteilung während des Singens blockiert meistens mehr, als sie hilft. Und das werde ich mir vor meinem nächsten Auftritt auch selbst dreimal laut vorsagen! 🙂

Schönen #vocalfriday!

Coming up on Vocalfriday #06

ng – wie siNGen:
Warum es sinnvoll sein kann, viel auf diesem Laut zu üben – und wie man das am besten macht!

am 6.8. hier im Blog

* „leiwand“ ist ein wienerisch/ost-österreichischer Ausdruck für etwas Positives, also äquivalent einzusetzen mit „cool“, „super“, „gut“, „klasse“, „knorke“ oder „dufte“ 🙂

Veröffentlicht von Klemens Patek | vocalfriday

Vocal Coach | Sänger - Frage drei Gesangslehrer und du bekommst vier Antworten. Hier bekommst du die fünfte ;) Bei mir geht's ums Singen, um Gesangstechnik, um CVT (Complete Vocal Technique) und Themen wie Achtsamkeit, Selbstvertrauen und Künstlersein. Bin gespannt, wohin mich die Reise führt. Das wichtigste für mich: Respekt und freundschaftlicher Austausch. Bashing anderer Künstler oder Coaches liegt mir fern. Mein Motto: Richtig ist, was dem/der Sänger*in gut tut und konkret weiterhift!

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