#35 Sie singt so schlecht! #judging

Happy vocalfriday, liebe Leute. Was ich heute vorhabe, ist ein bisserl ein Grenzgang. Wir wollen gemeinsam in ein Youtube-Video reinhören und darüber reden. Mit meiner Headline wollte ich euch natürlich wieder mal ein bisschen reinlocken hier. Ich hoffe, ihr wisst, dass meine Werte beim Singen vor allem die persönliche Weiterentwicklung, die Freude, das Vorankommen sind – und natürlich konkrete technische Hilfestellung. Jede Stimme soll den Raum und die Hilfe bekommen, ihre Qualitäten zu entdecken. Und zu guter Letzt: Singen und das Entwickeln der Stimme soll Spaß machen.

Und? Wie rasch fällst du ein Urteil über die Gesangskünste anderer? 😉

Unlängst hat jemand im Theater, in dem ich derzeit mit dem Ensemble für das Musical „Godspell“ probe (Mai 2022, Termine bald auf unserer Homepage), folgendes Video ausgegraben. Und ich war unheimlich fasziniert. Denn der jungen Künstlerin zuzuhören ist ziemlich … ähm…. anstrengend… Und doch hört man ihr ungeheures Talent, ja ich würde sogar sagen ihre unglaublich gute Stimme. Und es ist eine gute Gelegenheit, das eigene Urteil, dass man vielleicht schnell fällt, genauer zu hinterfragen.

Also: Hört mal ab Minute 3:00 ohne Vorurteile rein, wenn ihr Lust habt. Oder auch von Beginn an… „Turn Back O‘ Man“ ist die Eröffnungsnummer nach der Pause im Musical „Godspell“ von Stephen Schwartz. Es sind talentierte – nicht professionelle – Jugendliche in New York, die hier ihr Bestes geben.

Und, wie habt ihr den wilden vokalen Ritt empfunden? Wäre das eine Castingshow, könnte man wohl sagen: Ähm, liebe Franzi (*Name von der Redaktion geändert), das Ende war grauenhaft, schrill, unkontrolliert und nur schwer zu ertragen. Leider!

Aaaaber, liebe Leute, aaaaaber! Erlaubt euch nicht zu schnell ein Urteil – außer ihr müsst, weil ihr Castingjuroren seid…. dazu weiter unten noch…

Hier ein paar Gedanken zu dem Video:

  1. Die erste Hälfte des Liedes bewältigt die junge Dame eigentlich ganz solide. Darüber darf man auch reden 🙂
  2. Das Ende von „Turn Back O’Man“ ist in dieser Version höllisch schwer. Bis zum F5 (f“) wenn ich das jetzt richtige im Kopf habe – und eiiiigentlich nicht Kopfstimme (zumindest im Original). Aber man müsste halt einen Schlachtplan parat haben… Wo setze ich welche Sounds ein, damit ich safe durchkommen?
  3. Wer lässt diese junge Sängerin so „sterben“ am Ende, wenn der Rest des Songs doch voll okay läuft? Hier muss ein musikalischer Leiter eingreifen! Die hohen Improvisationen sind doch nicht notwendig. Sie sind auf dem „neuen“ Cast-Album (vom Musical „Godspell“) so gelandet – wohl von der Original-Interpretin maßgeblich mitgeprägt – und stehen auch in den Noten, aber deshalb müssen Teenager-Musicaldarstellerinnen das doch nicht genau so singen? Da hätte man andere Varianten probieren müssen!
  4. Und dann muss noch gesagt werden: Die Sängerin ist teils gar nicht so weit weg vom Sound des Originals. Also ja, schon. Aber irgendwie auch nicht. Sie kämpft und kämpft. Sie versucht teils den Originalsound in „Kopfstimme“ (Manche würden aufgrund des Klangs evtl. „Mix“ dazu sagen) zu reproduzieren, und flippt dann, wenn’s tiefer wird, wieder zurück in „Bruststimme“. Intontation leidet darunter. Denn wenn sie den scharfen Kopfstimmklang in die „tieferen“ Töne mitzunehmnen versucht, dort, wo ihre Stimme offebnar schon „lieber“ in Bruststimme wechseln würde, dort wird’s wobbely. Die Wechsel und Brüche sind „all over the place“, der hohe Sound ist nicht abgesichert. Bei Minute 3.21 „Heyyyyyeah“ hört man das gut, wie sie hier in die Kopfstimme wechselt. Aber das ist ja nicht das Problem an sich. Ich würde sogar dazu raten, wenn man die Range noch bei Weitem nicht hat und trotzdem unbedingt die Original-Linie singen mag/muss/soll (und das Lied einem Publikum unbedingt präsentieren mag).
  5. Und dennoch: Es fehlt eigentlich gar nicht viel, oder? Mit ein bisserl (jetzt rate ich ins Blaue) Support hier, die richtigen Vokale dort, das Gesangssetting ein bisserl absichern …. Es ist in Reichweite für sie – mit Übung und Anleitung. Manche Töne gelingen doch ganz gut, oder?
  6. Was mich zu den Umständen bringt. Wir urteilen manchmal zu rasch: Vielleicht ist sie verkühlt. Vielleicht ist das Monitoring ausgefallen/unbrauchbar. Vielleicht hatte sie einfach einen schlechten Tag. Vielleicht hat ihr*e Freund*in kurz vor dem Auftritt mit ihr per Whatsapp Schluss gemacht… You! never! know!
  7. Abgesehen davon: Es sind junge Leute, lasst sie doch einfach ausprobieren und Spaß haben. Mit professioneller Begleitung kann das auch ein toller Lernprozess für die Zukunft sein.

Und wegen all dem finde ich dieses Video in der Tat faszinierend. Weil es so viel Talent zeigt, weil es gleichzeit unfassbar grausam anzusehen ist. Und weil man wieder mal sehen kann, wie ein Schlussteil eines Songs alles „zerstören“ kann, was man davor super solide abgeliefert hat. Wir kennen die Umstände nicht, aber falls es sich bei den Proben auch schon so angehört hat: Dafür sind Leute da, dass sie in solchen Produktionen einschreiten und sagen: Hey, da müssen wir uns was einfallen lassen! Aber auch hier wissen wir die Umstände nicht: Vielleicht wollte sie unbedingt so singen oder sie hat sich am Produzenten rächen wollen….! Vielleicht war es ein Schritt in die richtige Richtung für sie, ein Schubs ins kalte Wasser? Ein „Schau, du kannst das!“, das etwas schiefgegangen ist.

Starmania: Jury, die nichts kritisiert – auch mühsam!

Das bringt mich noch zu einem kurzen Absatz zu „Starmania 2022“, das letzte Woche begonnen hat. (Österreichisches Sänger:innen-Castingformat). Bitte, liebe Jury, traut euch doch zu kritisieren. Man kann das ja lieb mit ehrlichem Lob abfedern. Aber immer nur sagen. „Top“ oder „Hammer“ oder was auch immer, das ist unglaublich fad und belanglos. Klar will man aufbauen und ermutigen und niemanden runtermachen. Danke dafür. Aber die wollen sich ja auch weiter entwickeln, die Gesangstalente, also sagt, was euch auf- und einfällt. Dazu seid ihr da! Selbst wenn die Kritik auf hohem Niveau erfolgen sollte.

Und generell mein Appell an euch alle: Traut euch, Leute, habt keine Angst vor dem Urteil anderer. Es ist schon schwierig, wenn jemand an der eigenen Performance herummäkelt. Niemand mag gerne kritisiert werden. Aber hey, ist es nicht so, wie mit allen Tipps zum Thema Gesangstechnik: Hör zu und nimm an, was du möchtest. Den Rest lass einfach durchziehen im Gehirn – von einem Ohr zum andern, adieu! Ich finde, es ist auch wahnsinnig wichtig zu wissen, wem man vertraut bei Kritik. Mir ist zum Beispiel die Kritik von engen Freunden sehr wichtig, denn da weiß ich, dass sie ehrlich daher kommt und nie verletzend. Aber vielleicht höre ich auch bei manchen etwas besser zu als bei anderen… 🙂 Sorry, Leute. Es ist ja schon auch so: Ohne Kritik können wir uns nicht weiterentwickeln und schmoren im eigenen Saft.

Klemens on stage – mit Safer Six

Es ist mein erstes neues Programm mit der Acapella-Truppe. In „Sound of Cinema“ bringen wir zu sechst etliche Filmsong-Klassiker in supidupi Vokal-Arrangements auf die Bühne. Wir sind gespannt wie eine Filmrolle und glänzen optisch mit den Oscar-Statuetten um die Wette. Vor Aufregung. Dank Glitter. Okay… und Schweiß. Freu‘ mich auf Euch! Weitere Termine findet ihr auf unserer Homepage: www.safersix.at

12. März 2022
Sound of Cinema – Wien Premiere
20 Uhr im Orpheum, Wien
Steigenteschgasse 94 b, 1220 Wien
Karten: www.orpheum.at

So sieht unser neues Album auch. Und wir.

Veröffentlicht von Klemens Patek | vocalfriday

Vocal Coach | Sänger - Frage drei Gesangslehrer und du bekommst vier Antworten. Hier bekommst du die fünfte ;) Bei mir geht's ums Singen, um Gesangstechnik, um CVT (Complete Vocal Technique) und Themen wie Achtsamkeit, Selbstvertrauen und Künstlersein. Bin gespannt, wohin mich die Reise führt. Das wichtigste für mich: Respekt und freundschaftlicher Austausch. Bashing anderer Künstler oder Coaches liegt mir fern. Mein Motto: Richtig ist, was dem/der Sänger*in gut tut und konkret weiterhift!

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