#85 „In die Maske singen“: Die Stimme macht die Resonanz – oder doch umgekehrt?

Resonanz. Was schwingt mit? Das ist eine für Sänger:innen total wichtige Frage. Für mich persönlich ist Resonanz ein guter Kontrollmechanismus. Mache ich alles „richtig“, fühlt sich der Ton angenehm an – und ich spüre ein Mitschwingen: evtl. in der Stirn, in den Nebenhöhlen, in den Lippen… Das kommt dann auch auf den Klang darauf an, den ich anstrebe. Warum überhaupt etwas mitschwingt? Jedenfalls nicht, weil da irgendwie in die Nebenhöhlen Ausatemluft gerät … Auch nicht, weil ich irgendwelche Spezialmuskeln aktiviere. Es ist reine Physik. Es geht um Obertöne, um Formanten, Frequenz.

Andrew Lloyd Webber nahm’s dann etwas wörtlich, mit dem „in die Maske“ singen. #flachwitz (c) Bild von Ahmad Ardity auf Pixabay

Und Physik ist nicht gerade meine Stärke… auch wenn ich mich bemühe, zumindest was das Singen betrifft, mehr und mehr zu verstehen. Bei einem werden mir die vielen Physiker:innen unter meinen Leser:innen hoffentlich nicht widersprechen: Die Frequenz sagt uns, welcher Ton gerade gesungen wird. Also bei 440 Hertz (etwa A4, 440 Schwingungen in der Sekunde) schwingt vielleicht im Wohnzimmer zufällig ein Glas in der Vitrine mit.

Es mag zwar Frequenzen geben, in denen immer irgendwo was mitscheppert. Aber es kommt auch darauf an, wie ich diese Frequenz von mir gebe. Also zum Beispiel: klingt er scharf, rund, dumpf, basslastiger …? Eben: Welche Obertöne hat er? Und genau so ist es mit unserem Körper bzw. dem Vokaltrakt. Manche Vokale sorgen dafür, dass wir einen Ton irgendwo resonierend spüren. Selber Ton, aber anderer Vokal, kann sich schon ganz anders anfühlen. Und einer dieser Gesangsstunden-Phrasen ist daher auch ganz schön unpräzise: „Vorne singen“. Denn wie ihr euch denken könnt, kommt jetzt mein Spruch… „Wir singen mit den Stimmbändern.“ Aber wir formen den Ton dann mit dem Vokaltrakt – geben ihm damit also unterschiedlich hervorgehobene Obertöne und Formanten. Wir singen logischerweise nicht „mit der Stirn“. Umgekehrt heißt das aber, wenn es uns gelingt „vorne“ zu singen, verändern wir offenbar etwas in unserem Vokaltrakt, damit sich ein Ton für uns leichter anfühlt, nicht so „in der Kehle“ – um eine weitere Phrase hier aufzuwerfen.

Jetzt kann die Anweisung „mehr vorne“ zu singen manchmal ausreichen, um eine mehr oder weniger subtile Änderung im Vokaltrakt zu bewirken. Vor allem, wenn man da für sich das Rezept schon gefunden hat. Das kann zum Beispiel „Twang“ sein, mehr Stütze, ein anderer Vokal… Resonanz-Strategien dazu sind vielfältig und individuell. Manchmal ist die Anweisung aber auch eine kaum zu durchbrechende Mauer. Man versucht so gut wie möglich, „nach vorne zu singen“, doch es ändert sich nichts. Wie auch? Wenn man nicht weiß, wie das geht, wo man überhaupt ansetzen kann… Deswegen geht es darum, Resonanz auch über konkrete Veränderungen im Vokaltrakt zu verspüren. Jedes Element im Vokaltrakt – von den Lippen über Nasengang, Gaumensegel, Zunge (!), Rachenraum und so weiter hat darauf einen Einfluss.

Ich darf an dieser Stelle wieder einmal Wikipedia zitieren. Was sind Formanten? Wikipedia, go!

„Als Formanten bezeichnet man in der Phonetik und Akustik die Konzentration akustischer Energie in einem unveränderlichen (fixen) Frequenzbereich, unabhängig von der Frequenz des erzeugten Grundtons. Aufgrund der Resonanz- und Interferenzeigenschaften des Artikulationsraums bzw. Resonanzkörpers werden diese Frequenzbereiche gegenüber den übrigen Frequenzbereichen verstärkt und die anderen gedämpft, wonach die Formanten als Energiespitzen übrigbleiben. Dieser Prozess spielt sowohl bei der menschlichen Sprache eine Rolle als auch bei Musikinstrumenten.“

Wikipedia

Also gewisse Frequenzbereiche verstärken wir durch die Form unseres Vokaltrakts – und dämpfen andere. Das macht den uns eigenen Klang aus, bzw. so wie wir ihn eben formen wollen: evtl. ein bisschen schärfer für Country-Pop, dunkler, aber dennoch komprimiert für Klassik. Noch ein Satz von Wikipedia, der mir als Vocal Coach dabei natürlich ins Auge gestochen ist:

„Die wichtigste Veränderung der Resonanzeigenschaften erfolgt, als variable Größe, durch eine geänderte Zungenstellung.“

Wikipedia

Allerdings, lieber Leser:innen. Singen wir auf demselben Ton erst den Vokal A, dann den Vokal E, ändern wir vielleicht bewusst gar nicht allzu viel. Aber der Ton wird von unseren Zuhörer:innen wohl verlässlich als zwei verschiedene Vokale identifiziert. Ist das nicht fasizinierend? Das wir für diesen Klang ein unterschiedliches Schriftzeichen, Lautschriftzeichen und schlicht diese unterscheidende Wahrnehmung haben? Das machen die Formanten – bzw. wir schaffen Formanten mit unserer Zunge (und dem Rest des Vokaltrakts), damit andere Menschen überhaupt unseren Primärklang, der da in den Stimmbändern entsteht, irgendwie unterscheiden können, damit überhaupt Sprache entsteht.

Dann noch einen Satz zu den Formanten, geklaut von Wikipedia – und jetzt wird es ein wenig komplizierter:

„Während die Formanten F1, F2 und F3 vokalspezifisch sind, das bedeutet relativ sprecherunabhängig immer annähernd gleiche Frequenzwerte annehmend, sind die Frequenzwerte ab dem F4-Formanten überwiegend für Klangfarbe und Charakteristik der Sprecherstimme verantwortlich. Sie dienen in erster Linie der Identifikation eines Sprechers und nicht eines Vokals.“

Wikipedia

Spannend, oder? Die ersten Formanten definieren also den Vokal, die sind bei uns allen also ähnlich. Ab F4 ist es unser individueller Klang

Und was ist dann also Stimmsitz? Ich darf noch einmal eine schlaue Online-Seite zitieren – bin offenbar im Web-Zitier-Rausch…

„Der Begriff umfasst Resonanz- und Klangstrategien, die zu einem ästhetischen, brillanten Bild der Stimme beitragen. Bei einem korrekten, guten „Sitz“ der Stimme, weist diese eine hohe Tragfähigkeit, Durchschlagskraft und Präzision auf.“

www.logopraxis.info

Es geht also bei einem guten Stimmsitz um nichts anderes, als die Formanten richtig einzusetzen, damit die Stimme tragfähig ist. Bzw. ist „guter Stimmsitz“ auch eine Frage des gewünschten Klangs. Denn Stimmsitz ist nicht per se an einen bestimmten Klang gekoppelt. Ist der Ton „frei“ – also frei von ungewollten Spannungen und damit nicht über Gebühr die Stimme beanspruchend – dann sitzt er doch auch gut, oder? Das sagt noch nichts über den Klang aus. Wo die Stimme sitzt? Im Kehlkopf natürlich. Aber „sitzt sie vorne“, spüre ich also im Stirnbereich oder über dem Oberkiefer eine Resonanz, dann ist sie evtl. tragfähig und heller. Eventuell – ich bleibe bei diesem Wort, weil eben jede:r Sänger:in Resonanz anders verspürt.

Sucht die Resonanz!

Fassen wir also zusammen. Wir erzeugen einen Primärklang in den Stimmbändern, der im Vokaltrakt (von Kehlkopftrichter über Rachen, Zunge bis zu den Lippen) geformt wird. Diese Ton-Formung machen wir, in dem wir gewisse Frequenzbereiche (meist unbewusst) hervorheben – andere wiederum dämpfen. Ein Teil dieser Formanten bestimmt, dass wir überhaupt Vokale voneinander unterscheiden können, ein anderer, dass wir individuell klingen bzw. einen gewissen Sound produzieren können. In der Gesangspädagogik ist es ein bisserl ein Henne-Ei-Problem. Was soll zuerst da sein: Die Suche nach der Resonanz oder die Suche nach den Veränderungen im Vokaltrakt.

Die Antwort ist individuell. Ich werde stets zuerst logisch im Vokaltrakt nach Begründungen suchen, was ich machen kann, um Töne tragfähiger, gesünder und angenehmer zu machen. Wenn der Gedanke an die Resonanz „in der Stirn“ oder „vorne“ als Hilfestellung genügt – so sei es.

Wichtig ist jedenfalls: Es gibt keine Zaubertüren, die sich öffnen, um „in der Maske“ zu singen. Es gibt individuelle Werkzeuge der Gesangspädagogik bzw. der Akustik, die uns dabei helfen, mehr Resonanz zu erreichen. Und wenn wir Resonanz unseres Wunschklangs erst einmal verspürt haben, ist sie ein wunderbarer Indikator dafür, ob wir gerade „richtig“ singen und ob wir wieder zum Wunschklang zurückgefunden haben beim Üben.

LETZTE CHANCE: „Diebe im Olymp“, das Percy-Jackson-Musical in Wiener Neustadt
Noch in vier Shows, versuche ich als Halbgott Percy Jackson in diesem rockigen Musical die Welt vor einem Krieg der Götter zu verhindern. Und das ist jedesmal ein Abenteuer… Nicht nur für Percy, auch für mich 🙂

Freitag 26. Mai (heute) | Samstag 27. Mai | Sonntag 28. Mai | Sonntag 4. Juni

Kommt vorbei ins Theater im Neukloster!
Hier geht’s zur Ticketseite!

Veröffentlicht von Klemens Patek | vocalfriday

Vocal Coach | Sänger - Frage drei Gesangslehrer und du bekommst vier Antworten. Hier bekommst du die fünfte ;) Bei mir geht's ums Singen, um Gesangstechnik, um CVT (Complete Vocal Technique) und Themen wie Achtsamkeit, Selbstvertrauen und Künstlersein. Bin gespannt, wohin mich die Reise führt. Das wichtigste für mich: Respekt und freundschaftlicher Austausch. Bashing anderer Künstler oder Coaches liegt mir fern. Mein Motto: Richtig ist, was dem/der Sänger*in gut tut und konkret weiterhift!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: